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taz, 16. Mai 2005

Von Andrea Paluch und Robert Habeck

Schleswig-Holstein ist wie ein Schweinerücken, sagt der Volksmund, an den Seiten ist es fett, in der Mitte knochig, hart und trocken. Dort, auf der Geest, wo bis zur Erfindung des Kunstdüngers noch nicht mal Weizen wuchs, wohnen wir. Und damit nicht genug. Wir wohnen ganz oben an der dänischen Grenze, wo das Land dünn besiedelt ist und im einzigen KZ Schleswig-Holsteins die Nazis Menschen beim Torfstechen verrecken ließen. Wir wohnen, um im Schweinebild zu bleiben, am Arsch.
Als unser erstes Kind geboren wurde, lebten wir in Hamburg Rotherbaum, doch eine Wohnung für drei Personen war für uns unerschwinglich, also zogen wir nach Lüneburg, sozusagen aufs Land, wo Wohnraum um ein Drittel billiger ist, dann gab es auf eine Schwangerschaft zwei Brüder und Lüneburg wurde wiederum unerschwinglich. Also Schleswig-Holstein zwischen den Meeren, ganz im Norden. Und jetzt, nach fünf Jahren, stellen wir fest, dort, wo es am billigsten ist, ist Schleswig-Holstein auch am freiesten. Das hat viel mit der Sprache zu tun. Dänisch, Plattdeutsch und sogar Friesisch sind vielsprachige Gegenwart. Unsere Kinder besuchen die dänische Schule und wenn wir den Jüngsten morgens in den „børnehaven“ bringen, schnacken auch wir erstmal ein paar Minuten Dänisch. Neben dem guten Gefühl, im Sommerurlaub zu sein, weitet das die sprachliche Muskulatur. Tatsächlich erleben wir bewusst, wie das erdgebundene Dänisch und das ehrliche Platt das Kultur-Sprech der ZEIT, Süddeutschen, FAZ kontrastiert. Unser Sprachuniversum ist gespalten. Zwischen Brötchenkaufen und Rezensionenschreiben liegen Welten. Und es ist vielleicht nicht vermessen zu sagen, dass es in der Literatur genau um diese Zwischenwelten geht. Um Geschichten, die nach Staub riechen und nach Erde schmecken und die gleichzeitig die Immaterialität und Selbstreferenz der Welt ins Bewusstsein rücken.
Die vierte Sprache aber, neben Dänisch, Platt und Friesisch, die hier gesprochen wird, heißt „über andere Leute“. Was man tut, wird beobachtet und besprochen und einem mitunter Monate später wieder erzählt, als Geschichte, die man selbst erlebt hat, die aber ganz anders geworden ist, als man sie erinnert und die einen selbst vom Erfinder und Ursprung zum Protagonisten gemacht hat.
Sprache ist wie Dorfklatsch. Ein Kosmos, den man betritt und in dem man sich bewegt, ohne sein Anfang, sein Ende, noch nicht mal seine Gesetze zu kennen. Jedenfalls sollte Sprache so verstanden werden und Literatur sollte genau diese Irritation auslösen. Und wenn Literatur heute eine gesellschaftliche Relevanz hat, dann den Konservativen den Begriff der Heimat zu zerschreiben – und alles, was mit ihm aus sich heraus und ohne Grund bestehen soll. In der Heimatsprache, der Dorfdynastie, dem Ort, wo jede jeden kennt, wo Deutschland vermeintlich am tümelndsten ist, wird Heimat zur Fremde und unheimlich.
Als wir noch in Freiburg studierten, wurde ernsthaft in philosophischen Seminaren darüber diskutiert, ob Heidegger so verquast geschrieben hat, weil ihm in seiner Talwelt der Blick auf den Horizont gefehlt hat. Die Romantiker, so verbreiteten sie ihren Mythos, legten sich unter blühende Bäume, um die Natur zu feiern, Hemingway musste am Meer wohnen, um „Der alte Mann und das Meer zu schreiben“. Gibt es also eine Zwangsläufigkeit zwischen Wohnstätte und Literatur? Ist die Natur der Literatur der natürlichen Natur anverwandt? Alles Blödsinn. Alfred Polgar schrieb einmal, „Geschichten werden niemals richtig erlebt, nur manchmal richtig erzählt.“ Literatur ist Konstruktion, Authentizität ist ihr Effekt. Eine Abstammungslehre der Einflüsse, ein Determinismus des Erlebens lassen sich nicht nur nicht begründen, sie würde Sprache und Literatur ins Abseits führen. 1999, in Lüneburg, schrieben wir „Hauke Haines Tod“, einen Re-Mix des Schimmelreiters, wenn man so will. Er erschien 2001, in dem Jahr, in dem wir hier hoch zogen, hierher, wo die Nordsee nur 20 km entfernt ist und Husum neben Flensburg die nächst größere Stadt. Es musste so aussehen, als hätten wir unsere Heimat beschrieben, als Norddeutsche Norddeutschland. Tatsächlich wird genau anders herum ein Schuh daraus. Wir erschrieben eine verfremdete Heimat. Und nicht auszuschließen ist, dass wir uns für diese entschieden, weil uns unser Roman gut gefiel. Wir zogen also nicht nach hause sondern in die Fremde.
Seitdem leben wir hier. In einer untypischen Lebensgemeinschaft, die an Ted Hughes und Sylvia Plath, Sartre und de Beauvoir erinnert, sich aber nicht wie diese Paare in eine Konkurrenz treiben lässt, die nicht zwischen Kinder ins Bett bringen und dem Abschlusskapitel des neuen Romans wertet, die also immer als gemeinsamer Lebensentwurf auftritt (also eher wie Lennon/ McCarntey oder vielleicht Marx und Engels…). Ob das in der Großstadt möglich gewesen wäre? Finanziell jedenfalls nicht. Also leben wir auf dem Schweinerücken. Aber am Rückgrad setzen die Muskeln an.

Andrea Paluch und Robert Habeck bilden eine außergewöhnliche Arbeits- und Lebensgemeinschaft: gemeinsam schreiben und leben sie mit ihren vier Söhnen an der dänischen Grenze. 2001 debütierten sie mit dem gemeinsamen Roman „Hauke Haiens Tod“, 2004 erschien „Der Schrei der Hyänen“, 2005 „Die Nacht, in der ich meinen toten Mann traf“. Im Juni erscheint: „Zwei Wege in den Sommer“.